| Nach den Worten Schopenhauers ist
"jedes Gesicht eine Hieroglyphe, deren Alphabet wir fertig
in uns tragen". Dieses Alphabet lesbar zu machen nennt man
Physiognomie bzw. Pathophysiognomie oder auch Gesichts- bzw. Antlitzdiagnose.
Bis vor 60 Jahren gehörte die Antlitzdiagnose zum Handwerk
eines jeden Arztes. Die ersten abendländischen Versuche, den
Ausdruck des Gesichtes zu deuten, reichen bis zu den alten Griechen
zurück. So beschäftigten sich z.B. Sokrates 470-399 v.
Chr., Aristoteles 384-322 v. Chr., Plato und Plutarch mit dieser
Kunst.
In der moderneren Zeit hat sich der Arzt und Gehirnforscher Gall
(1758-1828) mit den verschiedenen Schädelformen beschäftigt.
Er nannte diese Kunst Phrenologie oder Kranioskopie. 1806 veröffentlichte
der bekannte Physiologe Charles Bell ein Buch über die Anatomie
und Philosophie des Gesichtsausdrucks. In der neueren Zeit war es
vor allem Carl Huter, ein Maler, der sich auf die Werke von Gall
und Lavater stützte und so manchen Fehler, den diese gemacht
hatten, vermeiden konnte. Ihm verdanken wir eine Fülle neuer
Erkenntnisse. Von ihm wurde der weit über die Grenzen Europas
bekannte Professor Ernst Kretschmer beeinflusst, der als Anstalts-Arzt
erkannte, dass Krankheit und Verhaltensweise der Patienten mit bestimmten
Konstitutionsmerkmalen zusammenfallen. Aus dieser Beobachtung entwickelte
er seine Konstitutionslehre.
Der Weg der Pathophysiognomik durch die Jahrhunderte medizinischer
Empirie und Forschung hat dieser Disziplin eine sichere Basis geschaffen.
Der Umfang der Aus-drucksphänomene liegt zur Zeit etwa bei
vierhundert sicher anwendbaren Einzelaussagen. Mindestens die gleiche
Anzahl steht noch in Untersuchung und Diskusssion, da sie zum Teil
sehr selten vorkommen. Die Antlitzdiagnose ist eine Hinweisdiagnostik,
da sie uns Hinweise gibt auf, das entsprechende Organ genauer zu
untersuchen. Diese Kunst verlangt sehr viel Erfahrung und ist als
alleinige Diagnose nicht geeignet.
Es ist ebenso zu beachten, dass kein Merkmal allein entscheidend
sein kann. Es geht darum, als erstes den Gesamteindruck des Patienten,
also seine Ausstrahlung bzw. seine Schwingung wahrzunehmen. Erst
dann ist es sinnvoll, sich mit den Einzelmerkmalen zu beschäftigen
und diese in das Gesamtbild einzufügen.
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